Berufspolitik – Wie schaut es woanders aus?

Wie viele von Ihnen wissen, finde ich die Lektüre des BMJ sehr inspirierend. Gleichzeitig empfinde ich manche Lösungen aus Großbritannien als innovativ und häufig sehr hilfreich.

Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig die Arbeitssituation im „National Health Service“ Großbritanniens häufig ist. Diverse Schieflagen werden regelmäßig aus UK berichtet: Insbesondere junge ärztliche Kollegen kritisieren derzeit die Gesundheitspolitik Großbritanniens im allgemeinen, aber insbesondere auch die des National Health Service. Immer wieder kommt es zu Streik, zuletzt Anfang April 2016. Ihre Arbeitssituation ist offensichtlich für viele mehr als schwierig.

Bei dieser Gelegenheit bin ich auf folgende Graphik gestoßen (siehe www.imgur.com), die die Arbeitsbedingungen und Dienstpläne sehr plastisch darstellt:

Junior Doctors and Work

By the way: Achten Sie auf die Überzeugungskraft der Icons. Ich hatte ja erst vor kurzem auf die graphische Unterstützung zur Kommunikation von Risiko und Behandlung von Krankheiten hingewiesen. Das funktioniert auch in obigem Beispiel aus meiner Sicht extrem gut! Und … finde Sie hier gewisse Parallelen?

Das war´s heute mit einem kurzen Update zu den Arbeitsbedingungen in UK. Stay tuned and join again!

Umfrage zur gesundheitlichen Versorgung von Asylsuchenden/Flüchtlingen

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Derzeit wird eine Online-Befragung zur Gesundheitsversorgung in Deutschland durchgeführt. Diese Seminararbeit erfolgt am Studiengang „Gesundheitsökonomie“ an der Universität Bayreuth.

Vielleicht finden Sie Zeit, um dieses Projekt zu unterstützen. Hier der Link:

Danke und beste Grüße. Heute nur kurz. Stay tuned and join again!

Klinische Studien, Betrug, psychologische Phänomene und wem man vertrauen darf ….

Gerne beziehen wir uns in der klinischen Praxis auf aktuelle Empfehlungen aus Leitlinien und versuchen die empfohlene Behandlung und Therapie nach diesen Empfehlungen auszurichten. Was ist aber, wenn die Leitlinien falsch oder fehlerhaft sind?

Passiert ist dies mit der Leitlinie zur perioperativen Betablocker-Therapie vor nicht-kardialen Operationen der ESC. Es stellte sich heraus, dass die Umsetzung dieser Leitlinie vermutlich zu erheblich mehr Todesfällen geführt hat, als wenn diese Leitlinie nie befolgt worden wäre. Noch heute ist die Leitlinie aktuell! Cave bzgl. der dort hinterlegten Aussagen zur Betablocker-Therapie vor nicht-kardialen OP!

Ich kann mich selbst daran erinnern, wie ich an der Erstellung einer klinikinternen SOP zur Abschätzung des perioperativen Risikos beteiligt war. Fasziniert war ich von der Klarheit der Studienergebnisse und der diese Ergebnisse erklärenden Theorie zur Wirkung von Betablockern im Kontext einer nicht-Operation. Die Gabe eines Betablockers vor einer nicht-kardialen Operation bei Risikopatienten war ein absolutes Muss. Zwischenzeitlich wissen viele von Ihnen, dass die zentralen Arbeiten zu dieser Thematik erfunden und erlogen waren (prof. Poldermans wurde des Amtes enthoben, Erasmus Universität Rotterdam). Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Koautoren der besagten Multizentrischen Studien, deren Patientendaten ja auch erfunden waren, auf Nachfrage keine Kommentare abgegeben hatten. Die Sonne des Erfolges hatten diese jedoch gerne genossen ….

Mit dieser Thematik und den Einflussfaktoren beschäftigt sich ein exzellenter Artikel im European Heart Journal. Am Beispiel der perioperativen Betablockertherapie, aber auch anhand eines Falles aus Deutschland zur Stammzelltherapie nach akutem Myokardinfarkt (Prof. Strauer, Düsseldorf) stellen Cole et al die verschiedenen Faktoren dar, die zu einer kritiklosen Übernahme dieser Therapieempfehlungen geführt haben. Auch der Umgang der Mutter-Universitäten mit den Arbeitsgruppen sowie das Agieren der betroffenen Fachzeitschriften wird kritisch beleuchtet. Cole et al. kritisieren, dass man sich insbesondere von den Universitäten im Umgang mit Fehlverhalten ihrer Beschäftigten klarere Worte erwarten würde.

Aber ein Fakt ist noch problematischer: Trotz Rückzug dieser Arbeiten verblieben viele dieser Aussagen noch Jahre danach in den Leitlinienempfehlungen. Und damit ist potentieller Schaden bei betroffenen Patienten verbunden, der weit länger andauerte als nötig gewesen wäre. Die Autoren erwarten sich hier ein klareres und offeneres Vorgehen der Leitlinienkommissionen und der betroffenen Fachjournale.

Die Autoren um Cole et al. arbeiten sehr strukturiert die verschiedenen Faktoren auf, die zu dieser Weiterführung von gefakten oder selektionierten Ergebnissen geführt hat. Beteiligt sind viele, die Wissenschaftler, deren finanzielle Unterstützung von positiven Ergebnissen abhängt, die Journale, die davon leben, dass sie viel zitierte Arbeiten drucken können, die Leser, die die Methoden der Arbeiten nicht kritisch bewerten können, und und und …. Lesen Sie diesen Artikel selbst und Sie werden sehr strukturiert Informationen über Betrug, Fehlwahrnehmung und psychologische Phänomene erhalten.

Interessiert habe ich u.a. neue Fachausdrücke kennengelernt: z.B. der „Russian Doll“ Effekt: d.h. Autoren haben eine wachsende Datenbank eines Registers und publizieren schrittweise die Ergebnisse dieser wachsenden Datenbank. Umgekehrt zu den russischen Babuschkas wachsen die daraus abgeleiteten Aussagen immer mehr, sind aber statistischen Verzerrungen unterworfen und damit Fehlinterpretationen ausgesetzt.

Ebenfalls hochinteressant finde ich die Theorie der „kognitiven Dissonanz“, die in diesem Artikel dargestellt wird. Wer hat noch nie in sich selbst Zielkonflikte wahrgenommen? Das private aber auch berufliche Umfeld bieten hier viele Möglichkeiten. Spannend ist es, diese Zielkonflikte im Kontext des theoretischen Modells der „Kognitiven Dissonanz“ zu betrachten und die verschiedenen Einflussfaktoren auf die eigene Konfliktbewältigung wahrzunehmen. Und im Sinne einer patientenzentrierten Notfallversorgung erlebt man in Notaufnahmen derartige Zielkonflikte nicht selten.

Ich habe Ihnen nun einige der Gedanken mit Ihnen geteilt, die der Lektüre des obigen Artikels zu entnehmen sind. Was macht man nun praktisch daraus?
Das ist wirklich eine sehr sehr schwierige Frage und wird auch nur schwer eine klare Antwort ermöglichen. Ich glaube, dass der interaktive Austausch über derartige Studienergebnisse, die kritische Auseinandersetzung mit Methoden der Evidenz-basierten Medizin und auch die eigene klare Wertvorstellung beitragen werden, in einer durch viele Faktoren beeinflussten Umwelt einen guten Weg zu finden.

Dies war´s mal wieder aus Nürnberg. Stay tuned and join again!

Der Blinde erklärt dem Blinden

In der Notfallmedizin gilt es nicht nur, rasch in lebensbedrohlichen Situationen Entscheidungen zu treffen und eine hohe Handlungskompetenz zu zeigen.

Es gilt, in diesen Situationen schwierige Entscheidungen über die weitere Behandlung zu treffen, und natürlich auch die Chancen und Nachteile der Behandlung zu kommunizieren (z.B. Was bedeutet es, wenn ein Patient mit akutem Infarkt in der Klinik behandelt wird, und welches Risiko wäre damit verbunden, den Patienten zu Hause zu lassen – was der Patient wünscht).

Die Kommunikation von Risiko bzw. Bedeutung einer Therapie ist aus meiner Sicht extrem komplex. Ich habe anlässlich eines Vortrags ein sehr spannendes Paper gefunden, in dem nicht von “Risikoreduktion” bei der Behandlung von chronischer Herzinsuffizienz gesprochen wird, sondern von der Verlängerung des Lebens eines “Modellpatienten”, der ohne Therapie eine Lebenserwartung von ca. 1 Jahr haben würde. Dieses Paper ist sehr gut zu lesen, da es die Kommunikationsschwierigkeiten der Ärzte bei der Behandlung einer chronischen Erkrankungen bildhaft darstellt und dazu auch noch gute Querverweise aus der aktuellen Literatur gibt.

Was ich aber auch sehr spannend finde, ist ein aktueller Blog-Beitrag im British Medical Journal. Glyn Elwyn stellt sehr prägnant dar, wie man Risiko (und das Vermeiden desselben) gut darstellen kann. Hierzu gehört u.a. die Verwendung von graphischen Elementen, die in diesem Artikel auch kurz erläutert werden.

Mein Beitrag kann dieses Thema nicht erschöpfend behandeln. Ich hoffe aber, dass das Thema der Kommunikation auch für die Notfallsituation soweit interessiert, um sich mit der entsprechenden tiefergehenden Literatur zu beschäftigen. Spannend in diesem Zusammenhang finde ich auch, dass die Richtige Kommunikation im Notfall durchaus auch “Leben retten” kann. siehe u.a. das Buch von DT Jacobs. Let´s try it!

Das war´s mal wieder aus Nürnberg! Stay tuned and join again!